EU-weites Pfandsystem

In Deutschland gibt es ein Pfandsystem für Getränkeflaschen - das ist noch längst nicht in allen europäischen Ländern der Fall! Deshalb hat Poul eine Petition für ein EU-weites, einheitliches Pfandsystem verfasst. In einem Interview verrät er uns mehr dazu.

eupfand

Poul Schulte-Frankenfeld, 17 Jahre alt (* 1997), lebt in Harsewinkel im Münsterland und ist Inselfan – seit er 5 Wochen alt ist, besucht er jedes Jahr die Insel Bornholm und verbringt dort seine Ferien. Poul macht sich große Sorgen um den vielen Plastikmüll, der dort aus vielen verschiedenen Ländern angespült wird. Deshalb setzt er sich jetzt via Petition für ein EU-weites Pfandsystem ein.Diese liegt nun EU-Parlament, EU-Kommission und EU-Umweltkommission vor und wird innerhalb der nächsten Monate von einem Petitionsausschuss bearbeitet. Damit Poul nicht nur hier bei uns Unterstützer erreicht, haben wir die Petition für ihn in vier weitere Sprachen übersetzen lassen. Seit April 2014 hat er über 3.600 Stimmen gesammelt – und braucht viele mehr: Pouls persönliches vorläufiges Ziel sind 10.000 Unterstützer europaweit – seid Ihr auch dabei?  Auf geht´s zu Pouls Petition. Wir halten Euch auf dem Laufenden…

Lieber Poul, was ist der Kernwunsch Deiner Petition?

Unsere Welt, wie wir sie kennen, befindet sich derzeit in einem großen Wandel. Nicht nur politisch ändert sich vieles, auch die Umwelt als fragiler und elementarer Bestandteil unseres Lebens gewinnt zunehmend an Bedeutung, was sehr gut und wichtig ist. Denn bereits jetzt hat unsere Umwelt ein enormes Problem mit Müll, der nicht vernünftig entsorgt und recycelt wurde. Bewusst wird einem diese Problematik spätestens, wenn es um Trinkflaschen geht. Korrekt entsorgte Flaschen können im Fall von Mehrwegflaschen erneut verwendet, oder im Fall von Plastikflaschen von nachhaltig produzierenden Firmen in neuen Produkten verarbeitet werden. Dieses System funktioniert allerdings nur, weil in Deutschland ein funktionierendes Pfandsystem existiert. In Ländern, in denen es keins gibt, werden Plastikflaschen gemeinsam mit anderem Müll entsorgt. Ist kein Mülleimer in der Nähe, werden die Flaschen auch im Meer, im See, im Wald oder im Graben “entsorgt” und zur Gefahr für Tiere und Umwelt. Der Wunsch der Petition ist also, ein gemeinsames und einheitliches Pfandsystem - ähnlich dem in Deutschland - in ganz Europa zu etablieren, um die Umwelt, insbesondere aber die Tierwelt und den Meeresraum zu schützen. Es ist eine praktische und durchsetzbare, aber vor allem bereits getestete Möglichkeit, einen Schritt in die richtige Richtung zu gehen.

Du bist noch so jung und denkst bereits jetzt europaweit. Wie bist Du auf die Idee Deiner Petition gekommen?

Dass unsere Erde ein Problem mit Plastikmüll hat, ist nichts Neues. Dieser Realität selbst “ins Auge“ zu blicken, wirft allerdings ein neues Licht auf dieses sonst sehr medial aufgebauscht erscheinende Thema. Als mir im vergangenen Winter ein bekannter Angler den Plastikdeckel einer Trinkflasche zeigte, den er zuvor aus dem Speisetrakt eines Fisches geholt hatte, suchte ich gemeinsam mit meinem Vater nach einer möglichen Lösung für dieses offensichtliche Problem. Ein einheitliches und gemeinsames Pfandsystem scheint praktikabel und eine elegante Lösung für den Problemfaktor “Plastikflasche” zu sein.

Was möchtest Du mit Deiner Petition konkret bewirken?

Die Umsetzung EINES Pfandsystems in Europa - einheitlich, aber vor allem gemeinsam. Das ist besonders für die Länder wichtig, in denen es derzeit kein nationales Pfandsystem gibt. Beispiele sind hier Österreich, Polen und die meisten Mittelmeerländer. Das schont nicht nur die Umwelt, sondern dient auch dem Vorteil der Bürger: Diese könnten die aus der Heimat mitgebrachten Trinkflaschen im Urlaubsort abgeben, was sicher ebenfalls für die Getränkefachmärkte interessant wär. Ein Getränkefachmarktangestellter und Unterstützer der Petition hat dazu Folgendes geschrieben: „Gerade nach der Sommerzeit erleben wir es täglich, dass Dosen und Flaschen aus dem Ausland abgegeben werden und dabei gehofft wird, dass wir Mitarbeiter die Herkunft der Dose/Flasche übersehen [...]. Durch den Europfand wären diese unnötigen Komplikationen Geschichte.” Auch nachhaltig denkende Unternehmen können Plastikflaschen so leichter von übrigem Abfall trennen und sinnvoll recyceln.

Meinst Du, dass gerade jetzt der richtige Zeitpunkt ist?

Absolut. Wir haben durch modernste Techniken nun zum ersten Mal die Möglichkeit, den von uns produzierten Plastikmüll zu recyceln und in völlig neue Produkte umzusetzen. Gleichzeitig wachsen die riesigen Müllberge dieser Welt und der Mikroplastikgehalt im Meerwasser steigt rapide. Gerade jetzt ist der richtige Zeitpunkt einzuschreiten und mit neuen, innovativen Ideen die Abfallproblematik zu bekämpfen.

Hast Du mit Unterstützern Deiner Aktion persönlich gesprochen? Wie sind die Reaktionen der Unterzeichner?

Die Idee eines einheitlichen Pfandsystems scheint universal und übergreifend zu sein. Viele Unterstützer sehen die Petition als Chance, sich in die Umweltpolitik Europas einzubringen. Eine Unterzeichnerin sagte zu mir: „Die Politiker sehen manchmal den Wald vor lauter Bäumen nicht - da müssen wir konkrete Ideen und Ansätze liefern!” Außerdem habe ich von Unterstützern gehört, die nun eigene Ideen entwickeln wie man weiter mit der Umwelt in Europa vorgehen könnte. Vielleicht entwickeln sich daraus neue Petitionen und letztendlich europäische Gesetze. Das wäre auf jeden Fall wünschenswert!

Wie sind die nächsten Schritte auf dem Weg zum Ziel?

Das Wichtigste bei einer Petition sind die Menschen, die sie unterstützen. Ich habe die Petition (wie in den Updates zu lesen) bereits vor Monaten beim Europäischen Parlament eingereicht – bisher allerdings nichts als einen Brief erhalten, der den Eingang der Petition bestätigte. Es gibt also weder eine Zusage noch eine Absage. Deshalb müssen wir Druck machen, damit unser Anliegen ins Rollen kommt. Mit jeder neuen Unterschrift wird eine E-Mail an Mitglieder des Europäischen Parlamentes gesendet. Deshalb ist der wichtigste Schritt, Menschen für die Petition zu begeistern. Um mehr Menschen zu erreichen, sind vor kurzem weitere Versionen in verschiedenen Sprachen online gegangen. Jetzt kann man die Petition auch in Englisch, Spanisch und Dänisch lesen und verbreiten. Und Dank Eurer Unterstützung gibt es noch vier weitere Übersetzungen meiner Petition in Schwedisch, Norwegisch, Italienisch und Finnisch.  Eine Internationalisierung der Petition ist ein guter und wichtiger Schritt in Richtung Europäisches Parlament. Nur wenn möglichst viele Bürger Europas unterschreiben wird sich etwas ändern. Ich suche derzeit nach Unterstützern, die die Petition in weitere europäische Sprachen übersetzen möchten - bisher leider erfolglos.

Hast Du Dich schon vor der Petition für das Thema Umweltschutz eingesetzt?

Es ist für mich das erste Mal, dass ich mich auf einer so internationalen Ebene für den Schutz der Umwelt einsetze. Bei der regelmäßig stattfindenden Müllsammelaktion unserer Stadt habe ich bereits als Kind teilgenommen. ;-)

Was sagen Deine Familie und Freunde zu Deinem Engagement?

Meine Familie und meine Freunde sind natürlich von Anfang an dabei. Sie unterstützen mich euphorisch und helfen mir so gut es geht. In der Petition steckt sogar eine internationale Zusammenarbeit: Zwei Freunde, die in Mexiko leben und einer, der in Galizien wohnt, haben mir bei der Übersetzung ins Spanische geholfen.

Kannst Du uns kurz das Einweg- und Mehrwegpfandsystem in Deutschland erklären und was mit Plastikflaschen in anderen Ländern Europas geschieht?

Wenn ein Händler einem Hersteller ein Getränk in einer pfandpflichtigen Verpackung abkauft, zahlt er auf den eigentlichen Preis einen Aufschlag von derzeit mindestens 25 Cent - das Pfand. Damit der Händler nicht auf den Kosten sitzen bleibt, zahlt der Kunde, der das Getränk beim Händler kauft, denselben Aufpreis. Nachdem das Getränk (hoffentlich) gut geschmeckt hat, kann der Kunde nun frei entscheiden, an welcher Pfandannahmestelle er die leere Verpackung zurückgibt - dort bekommt er dann sein gezahltes Pfand wieder. Anhand des Barcodes auf der Verpackung weiß der annehmende Händler, wer der Hersteller der Flasche ist. Diesem stellt er eine Pfandabrechnung zu und bekommt die 25 Cent, die er zuvor dem Kunden geben musste, wieder. Die Flasche wird zerstört und kann recycelt werden oder, wenn es sich um eine Mehrwegflasche handelte, dem Hersteller zurückgegeben werden.Durch diesen Aufpreis sieht sich der Kunde, zumindest im Rahmen des Deutschen Pfandsystems gezwungen, die Flasche zurückzugeben und sie dem Recycling zuzuführen. In Ländern ohne Pfandsystem ist dieser Kehrschluss unmöglich, da es kein Pfandsystem gibt. Die Plastikflaschen enden also mit Glück im Mülleimer, wenn jedoch keiner in der Nähe ist auch gerne auf der Straße, im Graben, im See oder im Meer.

Wäre es nicht sinnvoller, das Mehrwegflaschen - anstatt das Einwegpfandsystem - zu fördern?

Das Mehrwegflaschenpfand ist natürlich die bessere Alternative. Es wird jedoch bereits sehr schwer, überhaupt ein Pfandsystem in Ländern zu etablieren, in denen die Einwohner möglicherweise noch nie davon gehört haben. Eine Förderung des Mehrwegflaschenpfandes wird also erst möglich sein, wenn es bereits ein Pfandsystem in Europa gibt. Bis wir dort sind, wird es mit Sicherheit ein langer und beschwerlicher Weg. Bis dahin bleibt ein europaweites System, welches nur Mehrwegpfandflaschen beinhaltet, ein entfernter Wunschtraum.

Wieso hast Du Dich für change.org entschieden? Verbreitest Du Dein Engagement noch über andere Medien?

Change.org ist eine super Möglichkeit, um den Wunsch nach einer Änderung zu zentrieren. Nach europäischem Recht reicht auch eine einzige Unterschrift für die gültige Einreichung einer Petition. Aber ob eine Petition ohne Unterstützerbasis eine große Wirksamkeit entfalten könnte, ist fraglich. Change.org bietet entscheidende Tools, um die Idee zu verfolgen und mit gleichgesinnten Unterstützern in Kontakt zu treten. Es ist ‘Demonstrieren per Mausklick’ und gerade für innovative, medial eher unbedeutende Themen hervorragend, da man Unterstützer aus aller Welt erreichen kann. Außerdem hebt sich Change.org durch ein Tool hervor, durch das bei jeder neuen Unterschrift eine E-Mail an die Petitionsempfänger geschickt wird - in meinem Fall an das Europäische Parlament bzw. die Kommissionen für Petitionen und für Umwelt. Ich versuche auch, über eine gleichnamige Facebook-Seite Unterstützer für die Petition zu gewinnen, was bisher allerdings eher mäßig klappt. Auch Anfragen beim BUND, beim DUH oder beim Ministerium für Umwelt haben keinen Erfolg, nicht einmal eine Antwort eingebracht. Umso mehr freut es mich, wenn Unternehmen und Verbände wie beispielsweise Plasticcontrol oder Toskana auf mich zukommen, um meine Petition über Facebook zu bewerben. Derzeit läuft außerdem eine Kampagne auf Think Big. Sollte das Projekt auch dort gefördert werden, könnten Mittel zur Verbreitung der Petition aufgewendet werden. Das wäre ein toller Erfolg, denn möglichst viele Unterstützer zu aktivieren, ist das wichtigste für den Erfolg der Idee.

Zum Schluss wollen wir Dich noch ein bisschen persönlicher kennenlernen: Hast Du schon einen konkreten Berufswunsch? Möchtest Du beispielsweise Dein Hobby zum Beruf machen?

Es gibt heutzutage so unendliche viele Möglichkeiten, um sich nach dem Abitur weiterzubilden. Da fällt es umso schwerer, sich letztendlich für einen Studiengang zu entscheiden. Leider wird mit herannahendem Abitur die verbleibende Zeit knapper und der Entscheidungsdruck größer. Auch wenn mein Berufswunsch beinahe wöchentlich wechselt, habe ich doch einen kleinen Hang zu der Naturwissenschaft Biologie und den Sozialwissenschaften.

Durch Dein Engagement denkst Du schon heute in die Zukunft und machst Dir die Konsequenzen unseres heutigen Handelns bewusst. Wenn Du Dir eine Welt wünschen dürftest, wie sähe diese aus?

Dürfte ich mir eine Welt wünschen, würde ich genau diese hier nehmen. Unsere Welt hat eine Menge Probleme: zu wenig fossile Rohstoffe, zu viel Müll, eine zu starke radioaktive Belastung, aussterbende Tierarten, kalte Winter und heiße Sommer, der Klimawandel, Ozonlöcher, Großstadtsmog, verschmutztes Wasser und sterbende Wälder. Aber es gibt nichts, woran wir nicht arbeiten könnten. Die meisten Probleme haben wir selbst verursacht und wir sind es unserer Umwelt, uns selbst und unseren Nachfahren schuldig, diese wieder gut zu machen. Der Kniff ist nur, die tatsächlichen Probleme zu erkennen und zu priorisieren. Denn in zehn, vielleicht zwanzig Jahren werden wir merken, dass es eventuell wichtiger gewesen wäre, etwas gegen die Verschmutzung der Gewässer durch Überdüngung, etwas gegen die Brandrodung oder die Abgasbelastung durch die Industrien zu tun, statt sich mit Vorschriften über die Länge der Gurken, oder dem Krümmungsgrad von Bananen aufzuhalten. Wir müssen mehr und mehr zu EINER Welt zusammenwachsen, gerade wenn es um unsere Umwelt geht. Vielleicht ist ein einheitliches Pfandsystem einer dieser vielen kleinen Schritte, der gegangen werden muss, um dieses Ziel zu erreichen - um unsere Welt zu einer Wunschwelt zu machen.

Und noch weiter gedacht – wir sind neugierig, wo siehst Du Dich in 20 Jahren?

Ich bin mir sicher, dass man mich inmitten dieser Entwicklung zwischen Nachhaltigkeit, Umweltbewusstsein und innovativer Technik antreffen kann. Wenngleich es für mich nicht unbedingt beruflich in diese Richtung gehen muss, werde ich zumindest privat auch in 20 Jahren diesen Spagat der Politik begleiten. Besonders aber auf die innovativen Techniken, die unser zunehmendes Verlangen nach Nachhaltigkeit und ‘grünem Leben’ stillen, freue ich mich sehr. Ich denke, dass uns gerade die neuen Technologien an den Stellen weiter bringen, wo wir vielleicht heute noch ratlos verzweifeln. eupfand